Der Vorstand der Heimatortsgemeinschaft Kleinscheuern organisierte mit viel Enthusiasmus eine Reise nach Siebenbürgen. Nach langer Vorarbeit und endlich gelungenem Konzept meldeten sich nur wenige Leute an, und das Unternehmen drohte ins Wasser zu fallen. Dann setzte gekonnt die Werbe-Gruppe ein, so dass schon fast überlegt werden konnte, mit zwei Reisebussen zu fahren. Was lange währt wird endlich gut. Und so traten 54 Personen (Jung und Alt) aus Kleinscheuern eine achttägige Reise an.
Vor einigen Jahren traten diese Menschen die lange Reise in eine neue, andere Welt in entgegengesetzter Richtung an. Nun machen sie sich auf den Weg zurück in die alte Heimat. Auf dem Weg nach Rumänien findet das erste mal ein längerer Aufenthalt in Budapest statt. Eine Stadtrundfahrt führt uns zum Burgviertel von wo aus man einen herrlichen Blick über die große Stadt an der Donau hat. Im Wasser spiegelt sich das imposante Parlamentsgebäude. Nach einer Übernachtung in Budapest nimmt die Reise ihren Lauf.
Es ist ein sonniger Tag im Mai. Die lustige Reisegesellschaft ist ihr eigener Unterhalter. Das Lied "Der Mai ist gekommen..." erklingt und erinnert an einen Brauch aus der alten Heimat. An der rumänischen Grenze steigen nur wenige aus. Es ist heiß draußen aber schön klimatisiert im Bus. Mit einem Rekord von nur 30 Minuten Wartezeit an der Grenze geht es alsbald weiter über die glatt asphaltierte Straße ins Landesinnere. Die vielen Tankstellen an den Straßenrändern scheinen über Nacht zu wachsen. Ebenso die unzähligen roten "Coca-Cola-Häuschen". Die Marktwirtschaft macht vor keinen Toren halt und schon gar nicht vor einem so für Amerika begeisterten Volk. Entlang dem Fluss Miresch entdecken wir viele Einheimische beim Picknick im Freien. Es ist der erste Mai - fällt uns ein. Nach alter Tradition wird der Maifeiertag zum Grillfest in der Natur. In Bradu (Girelsau) wird der ältesten deutschen Frau aus Kleinscheuern, Frau Susanna Dengel, die noch in Rumänien lebt, ein Besuch abgestattet.
Die 92-jährige Frau ist dies gewohnt, denn für viele Reisebusse auf dem Weg nach Kronstadt ist dies schon eine bekannte Zwischenstation. Wie ein Weltmeister hatte ihre Tochter Susanna fleißig Kuchen für die Reisegruppe gebacken. Die Gäste stärken sich an den verschiedenen Spezialitäten der Bäckerin, sogar für die nächsten Tage war bestens gesorgt.
Der Bus fährt uns über Hermannstadt, Fogarasch vorbei an den Fogarascher Bergen nach Kronstadt. In dem festlich hergerichteten Restaurant des Hotels "Aro - Palace" werden wir für die anstrengende Fahrt belohnt. Es ist ein schöner Abend mit Livemusik und Festessen. Nach belieben gibt ein kleiner Spaziergang durch Kronstadt Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten. Am Morgen hören wir Glocken läuten. Ist es der vertraute Klang, der mich jeden Morgen weckt? Der Ton ist tief und rein. Ich blicke durch das Fenster auf ein Panorama einer fremden und doch vertrauten Stadt. Entlang der Stadtmauer zeichnen sich der weiße und der schwarze Wehrturm ab, die Silhouette der Schwarzen Kirche, dem Wahrzeichen dieser stolzen Stadt (Kronstadt) und das alte Rathaus. Die Gondelstation auf der Zinne glänzt in der morgendlichen Sonne. Die Straßen dieser am Fuße der Karpaten gelegenen Stadt schlängeln sich durch die Täler der Vorberge der Karpaten.

Im modernen 4 Sterne - Reisebus der Firma Osterrieder fährt uns Werner Struttmann über den Predeal Pass zum Königsschloss Peles. Wunderschön erstrahlt es im neuen Glanz. Das Schloss ist eine wahre Touristenattraktion.
Abends auf der Schulerau (Poiana Brasov) finden wir uns zum Abendessen im Restaurant "Stina Turistica" ein. Kulinarische Spezialitäten aller Art und ein rumänisches Quartet mit Zigeunermusik versüßen uns den Abend. Geiger, zwei Akkordeonisten und Saxophonist ziehen mit ihrer Musik von Tisch zu Tisch und sorgen für eine gute Stimmung. Lieder darf man sich wünschen, und dann wird mitgesungen, wenn man den Text, sei er rumänisch oder deutsch, noch kann. Die Musiker kennen sogar einige Schlager. Trotz fortgeschrittener Stunde scheint in der lustigen Gesellschaft, bei jung und alt, noch kein Raum für Müdigkeit zu sein. Erst Mitternacht machen sie sich auf den Weg, immer noch in Begleitung der ausdauernden Musikanten.
Schullerau - gemütlicher Abend in der "Stina Turistica". Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise durch Siebenbürgen fort. Wir besichtigten kurz die Stadt Schäßburg, machten dann vor Birthälm unsere kurze Mittagspause, besichtigten anschließend die Kirchenburg von Birthälm ehemaliger Bischofssitz der Siebenbürger Bischöfe und kamen dann über Mediasch nach Hermannstadt. Hier sind wir im "Römischen Kaiser" vorzüglich untergebracht und können von dort die Stadt erkunden. Am Bruckenthal Museum vorbei geht es zur gleichnamigen Schule, mit der einige von uns schöne Erinnerungen verbinden. Weiter geht es zur Stadtpfarrkirche und über den Kleinen und Großen Ring. Das Pflaster auf diesem Platz erinnert uns wehmütig, dass hier einst ein Park mit vielen Blumen die Wege begrenzte. Die Heltauer - Gasse ist sehr belebt. In Straßenkaffees und Bierzelten verbringen erstaunlich viele junge Leute ihre Zeit. Der Musikpavillon im Erlenpark steht noch am alten Platz.

Der Höhepunkt unserer Reise steht noch aus: der Besuch des Heimatdorfes. "Stehen die Pappeln noch?" Die Pappeln, die einst die Straße säumten und dem Reisenden Schatten spendeten, und bei deren Erscheinen mir mein Herz, so oft ich mich diesem schönen Flecken Erde näherte, sagte: "Du bist zu Hause!" - Nein, man hatte sie abgesägt - wegen der Sicherheit... Der erste Eindruck wurde auch durch einige neue Bauten getrübt. Die Fahrt durch das vertraute Dorf Kleinscheuern, vom "Kreuz" bis in die "Salzgasse", ja sogar bis zur Messerfabrik am "Kepchen" vorbei, lässt Erinnerungen wach werden und Herzen höher schlagen.
Ein Empfang im Rathaus wurde organisiert. Der Bürgermeister und seine Mitarbeiter begrüßen jeden ihrer Gäste mit Handschlag. Dann gibt es eine Führung durch die alte Schule. Erstaunlicherweise existiert hier bereits ein Raum, der mit Computern ausgestattet ist. Auch wurde ein Raum für eine kleine Ausstellung von sächsischen Handarbeiten hergerichtet. Ein altes Harmonium und Schulmatrikeln der Schüler aus dem Jahre 1940 sind zusammengetragen worden. Mit viel Liebe möchte man das Alte, das man hier über viele Generationen aufgebaut hat, erhalten.
Das Glockengeläut ertönt. Es ist so lange her, da ich es zum letzten mal hörte - der Klang ist noch immer vertraut. In die alte Kirche, deren Grundsteine 1280 gelegt wurden, kehrt seit langem wieder Leben ein. Für die Reisenden wird hier ein Gottesdienst gefeiert. Der Pfarrer kommt dazu extra aus Hermannstadt. Die kleine Kirche füllt sich, sogar bis Reußdörfchen hat es sich herumgesprochen. Deren Bewohner erscheinen in ihrer alten Tracht.
Kein Auge bleibt trocken, als der Pfarrer von dem großen Erbe spricht, das es zu erhalten gilt. Auch spricht er von hohen Erwartungen an die Deutschen, die nur noch zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Für die einheimischen Gäste wird die Predigt am Ende in rumänischer Sprache gehalten.
Der junge Organist, verwöhnt von der neuen Stadtorgel, klagt über den Zustand der Orgel, die ja (mit ihrem Blasebalg) nicht mehr die jüngste ist. Aber seinen Kampf mit der Orgel hat niemand vernommen, die Töne die der Organist ihr entlockte waren wie eh und je. Das Dach der Kirche ist zu reparieren. Die ehemaligen Bewohner von Kleinscheuern haben dafür Spenden zusammengetragen und nun ist der Vorstand der Heimatortsgemeinschaft bemüht die richtige Lösung für die Dachsanierung zu finden. Der Friedhof hinter der Kirche wird nun der Friedhof in Augenschein genommen. Die Einrichtung für alkoholische Entziehung im Pfarrhaus hält den Friedhof in guter Pflege. Jeder der 50 Menschen sucht nun die Stätte ihrer Ahnen auf, auch um die aus der Stadt mitgebrachten Blumen und Kerzen auf die mit Steinplatten gedeckten Gräber zu legen. Die Älteren gehen zielgerichtet ihren Weg, die Jüngeren müssen nach den Urgroßeltern erst ein wenig suchen.
Im Saal ist eine kleine Festlichkeit hergerichtet. Die Gäste werden erwartet mit einem Festessen bestehend aus Vorspeise, Lammsuppe (ciorbä de miel), Lammbraten und die dazu passenden traditionellen Getränke. Für den Ohrenschmaus sorgt eine Hermannstädter Blaskapelle. Der Bürgermeister begrüßt die ehemaligen und die neuen Bewohner des Dorfes und lädt ein zu Speis und Trank und natürlich zum Tanz. Zwischendurch ergreifen unter anderem der Kreisratsvorsitzende, der Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft, der dem Bürgermeister das Gastgeschenk für die Gemeinde überreicht, der rumänische Pfarrer und die schon immer ortsansässige Ärztin des Dorfes das Wort. Der Saal wurde neu gestrichen, die Küche gefliest und vier neue Toiletten mit Wasserspülung am Saaleingang errichtet. Manche nehmen sich noch Zeit für einen kleinen Spaziergang durch das Dorf. Es wirkt gepflegt, die Straße ist gekehrt und die Häuser sind sorgfältig gestrichen. Befremdend muten die gelben Gasleitungen, die teils oberirdisch, teils unterirdisch verlegt sind, an. Fremde Menschen blicken einem entgegen. Der letzte Tag steht allen Teilnehmern frei zur Verfügung. Doch viel zu knapp ist die Zeit. Mit dem Taxi finden sich einige zusammen, um einen Abstecher nach Haschagen, Stolzenburg und Heltau zu machen. Andere gehen in die Stadt, wo das emsige Treiben auf dem Zibinsmarkt zum Einkaufen verführt: Schafskäse, Halva, hausgemachte Schokolade, Lika, Holzlöffel...
Voll intensiver Eindrücke wird die Rückreise angetreten. Im Bus ist es nie langweilig, es wird gelacht, gesungen und Rätselspiele machen die Runde. Und vor allem wird gefeiert und gratuliert. In diesen acht Tagen hatten wir 70- und 80-jährige Geburtstage, 35-jährige Hochzeitstage und verschiedene andere Gründe zum Feiern. Selbstverständlich muss jedes Mal auch eine Runde ausgegeben werden. Ein Kleinscheuerner aus Neuss gab schließlich noch eine Runde aus, als Dank für die Mitnahme auf diese Reise. Eine lustige Gesellschaft!
Unsere Reise war hervorragend geplant. Unliebsame Überraschungen sind uns glücklicherweise erspart geblieben. Ich bin überzeugt, im Sinne aller Mitreisenden zu handeln, wenn ich dem Organisationsteam ein großes Lob ausspreche und vielen Dank sage.